In unserer hektischen Welt werden viele Fähigkeiten und Charaktereigenschaften erwartet und hoch geschätzt, aber Gelassenheit gehört leider nicht dazu. Das ist vielen zu asiatisch und fremd. Manche denken, dass nur ein chinesischer KungFu-Meister oder ein Mönch gelassen sein kann. Wenn jemand eine Person anschreit oder beleidigt, ist es für die meisten Menschen selbstverständlich, dass der andere auch mit Wut, Beschimpfungen oder sogar mit Gewalt antwortet.
Gelassenheit ist jedoch nicht nur eine Tugend, die uns hilft ruhiger und ausgeglichener zu werden, sondern sie führt dazu, dass wir die Welt um uns herum anders wahrnehmen und erleben. Dabei muss sich Gelassenheit nicht auf stereotype Charakter wie im Fernsehen beschränken (indischer Guru, Mr. Miyagi aus Karate Kid, usw.), sondern jeder kann gelassener werden – ein Manager ebenso wie ein Student.
Diese Fähigkeit lässt sich genauso wie Zeichnen oder Kochen erlernen und ist nicht angeboren. Doch äußere Wundermittel oder Gurus werden Sie nicht zu einem gelassen Menschen machen – das können Sie nur selbst. Ein kleiner Wasserfall im Zimmer oder eine Lavalampe auf dem Nachttisch wird Ihnen diese Arbeit nicht abnehmen.
Betrachten wir einmal folgende Situation: Ein Mann ist in Eile und läuft über eine rote Ampel. Ein Autofahrer muss daraufhin bremsen und hupt. Der Fußgänger fühlt sich beleidigt und wird wütend – möglicherweise beschimpft er den anderen oder zeigt ihm durch Handbewegungen was er von ihm hält. Der Mann im Auto hat jetzt die Wahl, ob sich daraus ein Streit entwickelt, indem er wütend antwortet, oder ob er eine entschuldigende Handbewegung macht oder überhaupt nicht reagiert.
Stellen Sie sich vor, dass Ihnen jemand ins Gesicht sagt, dass Sie ein Vollidiot sind. Sie haben dann die Wahl wie Sie darauf reagieren. Die “normale” Reaktion in unserer Gesellschaft wäre mit etwas Ähnlichem zu antworten. Doch was wäre, wenn Sie lächeln und ruhig sagen: “Vielleicht habe Sie Recht. Wie geht es Ihnen eigentlich heute?”
Dadurch würden Sie den anderen entwaffnen. Man kann nicht mit einem Menschen streiten, der das nicht will. Zu einer Auseinandersetzung gehören immer zwei. Ihre Antwort wird den anderen völlig aus dem Konzept bringen und Sie werden möglicherweise einen Freund gewinnen, anstatt einen Feind zu erhalten. Niemand kann Sie dazu bringen wütend zu werden oder sich schlecht zu fühlen, wenn Sie das nicht zulassen.
“Geh langsam und du findest immer wieder zu dir selbst.”
arabisches Sprichwort
Der erste Schritt zu mehr Gelassenheit besteht darin, darauf zu achten, was Sie denken. Wir erleben ständig neue Dinge und sind äußeren Einflüssen ausgesetzt – es liegt jedoch an uns, was wir uns dazu denken. Unser Gehirn kommentiert alle Ereignisse und wir sind die einzigen Menschen, die dieses Verhalten steuern und beeinflussen können.
Versuchen Sie extreme Kommentare im Gehirn wie “Ich hasse das.” oder “Was für ein schreckliches Wetter!” zu vermeiden. Auf viele Dinge in Ihrem Leben haben Sie keinen Einfluss – das müssen Sie akzeptieren. Gehen Sie den Weg der goldenen Mitte und meiden Sie starke emotionale Reaktionen (Wut, Ärger, Neid, usw.).
Ab und zu sollten Sie vollkommen auf das Denken verzichten und den ständigen Gedankenstrom “abschalten”. Ziehen Sie einen Schlussstrich und machen Sie einen Spaziergang oder meditieren Sie. Gehen Sie in die Natur hinaus und nehmen Sie nur wahr. Lauschen Sie dem Gesang der Vögel und beobachten Sie die Insekten bei ihrem “Alltag”. Urteilen und hinterfragen Sie nicht – beobachten Sie nur.
Lassen Sie hin und wieder Ihre Probleme los und lösen Sie sich bewusst von den Schwierigkeiten, die Sie zur Zeit beschäftigen. Lenken Sie einfach Ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes. Manchmal ist die Erfahrung hilfreich, dass es mehr im Leben gibt als Probleme. Außerdem gibt es die tolle Kategorie von Problemen, die sich selbst lösen…
Uns beunruhigen nicht nur die Ereignisse, sondern die Gedanken, die wir uns dazu machen. Wir tragen die Ruhe und die Unruhe in uns selbst und die äußeren Dinge sind nur der Anlass für unsere Reaktionen. Wir sind innerlich unabhängig und entscheiden, wie wir uns verhalten.
“Gelassenheit kann man lernen. Man braucht dazu nur Offenheit, Motivation, ein bisschen Ausdauer und vor allem Bereitschaft, sich von den alten, eingefahrenen Bahnen zu lösen, in denen unser Denken und Handeln sich häufig bewegt.”
Ludwig Bechstein
Manche Menschen sagen sich: “Jetzt will ich mich entspannen – den ganzen Nachmittag lang.”, doch sie setzen sich mit diesem Ziel unter Druck. Sie können Gelassenheit nicht erzwingen. Erst wenn Sie bereit sind etwas Zeit zu “verschwenden” und einige Stunden oder Tage faul zu sein und “nichts” zu tun, können Sie wirklich entspannen.
Trauen Sie sich einfach den Augenblick zu leben und zu genießen. Vergessen Sie Vergangenheit und Zukunft und versuchen Sie die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Gelassenheit ist ein Weg, kein Ziel und Sie müssen sich jeden Tag von Neuem auf die Reise machen.

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